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| Autor/Autorin: Chris |
| Titel: Wolfsherz |
Zum besseren Verständnis einige Anmerkungen bezüglich der
Gottheiten, die in diesem Text genannt werden:
Chronos: Göttervater, Gott der Zeit
Ashira : Gattin des Chronos, Hüterin des Wissens
Gabriel und Lythane : Bewahrer von Famile und Heim,
symbolisieren die ritterlichen Tugenden (Gabriel)
und die reine,
geregelte Liebe (Lythane)
Dearis: Göttin des Glücks und der (wilden, zufälligen)
Liebe, Schutzpatronin der Diebe
Kassandra: Göttin des Kampfes und des Krieges,
Schutzpatronin aller Kämpfenden
Riwan: Schöpferin der Natur und Herrin der Wälder
Tzeentch: Chaos-Gott, der Seelen korrumpierende Widersacher
von Dearis
Ellistarae: Gute Drow-Gottheit, Schutzpatronin der guten
Drow, der Wanderer und (bedingt) der Barden
Die vier Elementargötter Syphur, Moradin, Ballard und
Nyad, sie repräsentieren sowohl Luft, Erde, Feuer und Wasser, als auch die
„vier großen Rassen“, Elf, Zwerg, Mensch und Halbling...
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Es ist Markttag in dem kleinen Bergdorf Glücksquell
unterhalb der Mountains of Tyme. Der Marktplatz wimmelt vor Leuten. Die
Bergbauern aus den höhergelegenen Tälern sind gekommen, um ihre Waren
feilzubieten und den Gewinn in schöne Sachen zu investieren, welche die
Kaufleute aus dem Flachland mitgebracht haben. Die Luft ist erfüllt von den
Rufen der Händler, die versuchen, Kunden auf ihre Waren aufmerksam zu machen,
von den Schreien der Tiere, die zum Verkauf dargeboten werden und dem ständigen
Geräusch vieler Dutzend Füße, die über das ehrwürdige Kopfsteinpflaster
laufen.
Gregory Velder, der Sohn eines reichen Bauern, schiebt
sich durchs Gedränge der Leute, umgeben von der Aura der Arroganz, die allen
reich geborenen Leuten zu eigen sein scheint. Er ist über sechs Fuß groß, hat
breite Schultern und einen von harter Arbeit gestählten Körper. Sein Gesicht
ist hübsch anzusehen, es wird von einer wild wachsenden Mähne erdbraunen
Haares eingerahmt und von flammenden grünen Augen dominiert. Ein harter Zug läßt
das Kinn kantiger wirken, als es für einen siebzehnjährigen Jungen der Fall
sein sollte. Sein Weg führt ihn ziellos über den Marktplatz, da alle Einkäufe
schon getätigt sind, und das Gold, das in seinem Beutel an seiner Hüfte hängt,
drängt danach, ausgegeben zu werden.
"Hallo Hübscher!" Die rauchige, verführerische
Stimme ertönt wie aus dem Nichts neben Gregorys Schulter. Er bleibt überrascht
stehen und wendet seinen Blick der Stimme zu. Seine Augen weiten sich, als er
die Frau sieht, die da vor ihm steht. Sie ist gertenschlank, jedoch sinnlich
gerundet und in ein weit geschnittenes, mit einem verwirrend bunten Muster
besticktes, in der Hüfte gegürtetes Kleid gehüllt. Sie schaut ihn aus Augen
wie glühende Kohlen, die in einem sonnengebräunten Gesicht ruhen, an. Dieser
Blick fährt ihm prompt bis auf den Grund seiner Seele.
"Soll ich Euch die Zukunft vorhersagen?"
fragt sie und vollführt mit ihrer schmalen Hand eine einladende Geste.
"Sicher doch. Ich bin immer interessiert, was
mein Schicksal zu bieten hat."
Selbstsicher nimmt Gregory ihre Hand und läßt sich von
ihr durch das Labyrinth der Gassen führen, das sich hinter den Buden des
Marktes erstreckt. Ihre schlanken Finger sind warm und fest verschränkt mit den
seinigen. Wie in Trance folgt er ihr.
"Da sind wir. Tretet ein."
Sie öffnet die Tür eines überraschend winzigen
Wohnwagens. Gregory steigt auf die Stufe, die den Einstieg ins innere des reich
verzierten Wagens erleichtern soll und hat das Gefühl, eine andere Welt zu
betreten. Eine Wolke exotischen Duftes hüllt ihn ein, als er im Halbdunkeln auf
einem Kissen am Boden Platz nimmt. Das helle Tageslicht wird durch einen Vorhang
vor dem Fenster des Wagens gedämpft, und die wenigen Sonnenstrahlen, die es ins
Innere schaffen, verlieren sich bald, so daß der Wohnwagen erheblich größer
wirkt, als er wohl ist. Ein leiser Lufthauch auf Gregorys Wange und das leise
Zuklappen der Tür zeugen davon, daß auch seine Gastgeberin eingetroffen ist.
Überraschend lautlos läßt sie sich ihm gegenüber nieder. Mit einer
Handbewegung befördert sie allerlei Krimskrams, der auf dem Tisch liegt, zur
Seite und holt einen Stapel Tarot-Karten aus einer verborgenen Tasche ihres
Kleides. Dabei öffnet sich selbiges ein Stück weit, und Gregory erhascht einen
Blick auf die sanften, unverhüllten Rundungen ihrer Brüste. Die Zigeunerin
scheint sich darüber keine großen Gedanken zu manchen, sondern mischt mit
verblüffender Leichtigkeit die großformatigen Karten. Gregory kann kaum den
Blick von den spärlich verhüllten verbotenen Früchten reißen, die sich ihm
darbieten.
"Nehmt die Karten auf und mischt sie!" fordert
die Zigeunerin den schwer atmenden Jüngling auf. Gregory gehorcht und mischt
die Karten unbeholfen. Die Zigeunerin nimmt sie ihm wieder ab, wobei sie sich
weit über den Tisch beugt, der zwischen ihnen steht. Das Kleid klafft noch
weiter auf und viel sonnengebräunte Haut der jungen Frau kommt zum Vorschein,
Gregrorys Blut gerät in Wallung und er muß sich beherrschen, um nicht laut
aufzustöhnen. Ein Schweißtropfen rinnt über seine Stirn und tropft auf seine
Wange, um in der Karikatur einer Träne sein Gesicht herunterzulaufen. Er wischt
ihn ärgerlich beiseite und holt tief Luft. Die Zigeunerin lächelt unbekümmert
und teilt die Karten aus, so daß vier Karten untereinander neben einem Kreuz
aus vier weiteren Karten zu ruhen kommen. Dann lehnt sie sich zurück und
schnippt die erste Karte um.
"Ich kenne meine Zukunft bereits" sagt Gregory
auf einmal. Seine Stimme ist heiser vor Verlangen.
"Wie bitte?" Die Zigeunerin hebt überrascht
den Blick, als Gregory aufsteht. In seinem Gesicht liegt ein seltsames Lächeln
und seine Augen zeigen ein unheimliches Funkeln.
"Ja, ich weiß, was meine Zukunft bringt - den Kuß
der schönsten Frau dieser Welt!" Er läßt sich neben der Zigeunerin auf
die Knie nieder und schaut ihr ins Gesicht, dann gleiten seine Blicke an ihr
hinunter.
Sie folgt seinen Augen und zieht das Gewand enger um
sich.
"Oh nein. Wenn Ihr einen Kuß wollt, dann
wendet Euch doch an die Gänsemägde!" faucht sie ihm entgegen.
"Ich kann Euch reich machen, so daß ihr niemanden
mehr die Zukunft weissagen müßt! Bitte, nur diesen Kuß!" In seine Stimme
hat sich ein flehentlicher Ton eingeschlichen. Die Zigeunerin überlegt kurz.
Soll sie dem Kutscher Bescheid geben? Oder soll sie den dreisten Jüngling
sofort aus ihrem Wagen werfen? Aber der Blick in die ebenmäßigen,
engelsgleichen Züge dieses Jünglings läßt ihre Entschlußkraft schwinden.
Vorsichtig neigt sie sich zu ihm hinunter und legt ihre Arme um seine Schultern.
Er hebt erwartungsvoll seine Lippen den ihren entgegen. Sie schließt die Augen
und haucht ihm einen Kuß auf den wartenden Mund. Ihr entgeht das gemeine Lächeln,
das die Lippen des Jungen kräuselt. Plötzlich legen sich seine Arme wie
Stahlklammern um ihre Schultern. Sie öffnet die Augen und spürt, wie der kräftige
Junge sich zwischen ihre Beine drängt. Ihre Hand fährt zu dem Dolch, den sie
in einer Scheide unter dem Tisch versteckt hält und zieht ihn. Gregory ist viel
zu beschäftigt damit, die wild strampelnde Zigeunerin für seine abscheulichen
Absichten zurechtzulegen, um zu bemerken, daß sie eine Waffe in der Hand hält.
Aus ihrer ungünstigen Lage versucht sie einen verzweifelten Angriff gegen seine
rechte Schulter, aber er spürt den Luftzug der Waffe, weicht rasch aus und
entgeht beinahe dem Stich. Die rasiermesserscharfe Klinge fährt seinen Arm
entlang und zieht eine lange rote Linie von der Schulter bis zum Ellenbogen.
Gregory schlägt ihr grob ins Gesicht und packt ihr Handgelenk. Mit eine raschen
Bewegung schmettert er es gegen einen eisernen Stützstreben des Wagens, wo es
mit einem trockenen Knacken bricht. Leise wimmernd umklammert die überwältigte
Zigeunerin ihren geschundenen Arm und hofft, das ihr Martyrium bald vorbei sei.
Nachdem der Junge einige Zeit später endlich von ihr
abgelassen hat, erhebt sich die Zigeunerin mühsam auf ihren unverletzten
Ellenbogen und sieht erschöpft an sich herab. Ihr einst schönes Kleid ist
zerrissen und an einige Stellen von Blut oder anderen Flüssigkeiten feucht, und
die Stelle zwischen ihren Schenkeln schmerzt wie von tausend Messern malträtiert.
Sie richtet sich soweit auf, wie ihr geschundener Körper es ihr ermöglicht,
zieht die Reste des Kleides um sich und richtet ihren anklagenden Zeigefinger
auf den Jüngling, der sich gerade anschickt, den Wagen zu verlassen. Leise und
beherrscht spricht sie die verhängnisvollen Worte, die trotzdem klar und
vernehmlich durch den Wagen hallten:
"Höre, du Monster in Menschengestalt. Ich
verfluche dich! Auf ewig soll alle Welt das Tier betrachten können, das in dir
lauert! Solange, bis du nicht wahre, reine Liebe gefunden hast, sollst du unter
diesem Fluche leben!"
Ein heftiger Windstoß fährt in den Wagen, als der
Junge verschreckt durch die Tür nach draußen flieht. Eine Karte flattert vom
Tisch und landet neben dem Mädchen. Es ist "Der Turm". Schon kurze
Zeit später erklingen die ersten Schreie, als der schreckliche Fluch der
Zigeunerin seine Wirkung entfaltet. Das geschändete Mädchen läßt sich mit
einem gequälten Lächeln in die Kissen zurücksinken.
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Der Wind heulte tosend um den alten Steinturm, der
Donner ging in den umliegenden Schluchten seinen finsteren Geschäften nach und
grollte wie tausend wütender Trommler. Im Dachzimmer saß eine gebeugte, in
einen groben Wollmantel gehüllte Gestalt und schrieb zögernd auf eine vom
Alter gezeichnete Pergamentrolle. Der Kandelaber an seiner Seite flackerte
jedesmal bedrohlich, wenn ein ungebändigter Windhauch in das Gemach eindrang.
Blitze zuckten über den nachtschwarzen Himmel und tauchten die Szenerie in ein
unheimliches Licht. Die Gestalt legte den Kopf in den Nacken und heulte eine
Herausforderung an das Gewitter. Wie als Antwort auf den Wolfsruf erstarb der
tosende Lärm und nur das Rauschen des ungehemmt fließenden Regens wurde
vernehmbar. Kurze Zeit später folgte das dumpfe Pochen einer Faust auf der
massiven Tür unten im Turm. Die Gestalt legte den im Vergleich zu seinen
Pranken winzigen Federkiel zur Seite, versiegelte das kleine Tintenfäßchen und
stand auf. Schlurfend begab sich die fast sieben Fuß große Gestalt zur Treppe,
die an der Innenseite des zugigen Turmes nach unten führte. Nach wenigen
Augenblicken öffnete sich die Tür und die Gestalt sah sich einem Jungen gegenüber,
dessen grüne Augen furchtsam in die abgrundtiefe Dunkelheit hinter der geöffneten
Tür spähten. Er war nicht älter als vierzehn, fünfzehn Winter und hatte
schwarzes Haar, das ihm naß in die Stirn fiel, und ein kantiges Kinn. Die
Gestalt stand für einen Augenblick wie vom Donner gerührt und der Gedanke, in
einen Zerrspiegel zu sehen, raste durch ihren Schädel.
"Ich habe lange auf diesen Tag gewartet."
keuchte die Gestalt mit großer Anstrengung. Es klang, als sei sie todkrank oder
der menschlichen Sprache kaum mächtig. Der Junge löste zitternd die Hand vom
Knauf eines edlen Schwertes und trat vorsichtig einen Schritt näher.
"Komm herein!" Die Gestalt trat ins Innere des
Turmes zurück und machte damit Platz für den Jungen, der vorsichtig eintrat
und die Tür hinter sich zuzog. Für einige Zeit war es fast still in der
Dunkelheit des Turmes. Man hörte nur das Geräusch des Regens, der gegen den
Turm peitschte. Dann ertönte ein scharfes Zischen, und der Junge schloß
geblendet die Augen. Als er sie wieder öffnete, sah er die massige, gebeugte
Gestalt, wie sie eine Fackel hoch über ihren Kopf hielt. Das Wesen hatte sich
eine Kapuze über den Kopf geworfen, und der Junge sah nur zwei funkelnde grüne
Augen. Der Rest des Gesichtes war im Schatten verborgen.
"Folge mir." Es klang fast so, als ob die
Gestalt langsam lernte, wie man vernünftig spricht. Der Junge sah ihr nach, als
sie die ersten paar Stufen zum nächsten Stockwerk erklomm. Dann blickte er sich
kurz um. Hier unten gab es nichts, außer einem Gestell mit Jagdspeeren und
einem schartigen Schwert. Der Junge kämpfte seine Furcht nieder und folgte dem
Wesen nach oben.
Im nächsten Stockwerk bot sich ihm ein gänzlich
anderes Bild. Diese Etage war ein gemütlich eingerichteter Wohnraum. In einer
Ecke residierte ein zerschlissener elfischer Ohrensessel, davor ein grob
gezimmerter Tisch, auf dem eine Teekanne aus Steingut neben zwei zierlichen
Tassen aus Porzellan stand. In einer anderen, aus zwei Bücherregalen gebildeten
Ecke, war ein bequemes Lager aus Fellen und Decken aufgeschichtet. Eine andere
Stelle auf diesem Geschoß wurde von einem gemauerten Kamin nebst Kochstelle
eingenommen. Die Person, die hier wohnte, ließ sich nicht so einfach mit der
frauenschändenden, mordenden Bestie vergleichen, die angeblich hier hausen
sollte. Der Junge entspannte sich sichtlich, bevor er endgültig ausschritt und
das Zimmer betrat. Die in einen Wollmantel gehüllte Gestalt ließ sich knurrend
auf den Sessel nieder und zog einen lederbespannten Schemel hinter ihm hervor.
Er nickte in Richtung des Schemel, doch der Junge blieb stehen.
"W-was führt dich zu mir?" Die Gestalt mußte
mehrere Anläufe nehmen, bevor er die Worte richtig betont aussprechen konnte.
"Meine Mutter ist tot." Kalt und anklagend
sprach der Junge diese ersten Worte aus. Sein Gesicht verspannte sich zu einer
harten, angespannten Maske aus Furcht und Wut, die dem vermummten Hünen einen
weiteren Stich verpaßte. Der Junge fuhr fort:
"Sie nahm sich das Leben, als ich beschloß, dich
zu finden." Ein anklagender Tonfall schlich in die Stimme des Jungen, und
seine Hand umkrampfte das reich verzierte Heft seines Schwertes. Seine Augen
bohrten sich in das Dunkel unter der Kapuze.
"Warum wolltest du mich finden?" Die Stimme
des Vermummten war tief, grimmig und gefährlich geworden, als ob er die Antwort
schon kenne.
"Um dich für das zu bestrafen, was du meiner
Mutter angetan hast." Kühn ließ der Junge diese Worte in den Raum hallen.
Wie als Antwort donnerte es erneut. Die vermummte Gestalt legte den Kopf in den
Nacken und lachte. Der Junge trat zwei Schritte zurück und zog sein langes,
aber dünnes Schwert. Als Antwort auf diese Herausforderung hob die Gestalt
beide Arme. Sie waren etwas länger als die eines normalen Menschen und mit
dichten, schwarzem Fell bewachsen. Der rechte Oberarm wies eine haarlose Narbe
von der Schulter bis zum Ellenbogen auf, und die Hände waren langfingerige
Pranken, an denen gefährliche Klauen im Licht des Kamins blitzten. Die Hände
fuhren zu der wollenen Kapuze und legten sie zurück. Darunter kam eine Fratze
zum Vorschein, in der die Züge von Mann und Wolf eine abstoßend fremdartige
Verbindung eingegangen waren. Eine vorspringende Hundeschnauze mit bösartigen
Reißzähnen dominierte das Gesicht, in dem die intelligenten grünen Augen
eines Menschen saßen. Die Gestalt lachte immer noch, und die spitzen Ohren
waren flach angelegt. Der Junge stand dem Wesen ratlos gegenüber, und die
Spitze des Schwertes, vorher noch wachsam erhoben, sank langsam zu Boden.
"Bitte, versuche es! Dann würden sich die
schlimmsten Ängste deiner Mutter bewahrheiten. Denn nicht ich habe sie
umgebracht, sondern der Gedanke, daß du in meinen Klauen leiden würdest. So
komm nun, und ich verspreche dir einen schnellen Tod!" Das Lachen war
verklungen, und die Gestalt erhob sich zu ihrer vollen, imposanten Größe.
"Wenn es denn sein muß!" Der Junge nahm eine
Angriffshaltung ein, die rechte Hand mit dem Schwert vor sich haltend, dem
Gegner die Schmalseite des Körpers bietend, die linke auf der linken Hüfte,.
Der Wolfmensch knurrte und ließ sich in eine abwartende Kampfhaltung fallen,
den massigen Körper gebeugt, die Muskeln sprungbereit. Der Junge stand da, als
würde er einem Edelmann in einem formellen Duell gegenüberstehen. Er hatte
noch viel zu lernen.
"Hat man dir nicht beigebracht, daß Duelle im Haus
nicht von Kassandra gesegnet sind?" knurrte der Wolfsmensch.
"Was störst du dich denn an den Regeln der
Duell-Etikette? Du tötest doch auch, wann und wo es dir paßt!" Der Junge
beginnt mit einem schnellen Ausfall, kaum mehr das Verlagern des Gewichtes auf
den vorderen Fuß. Die Klinge zischt vor, auf die Brust des Wolfmannes gezielt.
Mit einem irritierten Schnauben schlägt die Bestie die Klinge zur Seite. Der
Junge zieht zischend die Luft ein und hält sich das schmerzende Handgelenk, während
das Schwert klirrend gegen die Wand scheppert. Die Kampfeswut, vor Momenten noch
deutlichst in die Züge des Jungen gemeißelt, ist nun vagem Entsetzen und sehr
realen Schmerzen gewichen.
"Im Gegensatz zu dummen Heißspornen wie dir weiß
ich wenigstens, wann und wo ich zu töten habe!" Langsam, mit gespannten
Muskeln, jederzeit zum Sprung bereit, kommt das Monstrum näher. Ein verirrter
Blitzstrahl taucht das Zimmer für einen Moment in gleißendes Licht, kurz
darauf grollt ferne der Donner. Der Junge weicht, die unterdrückte Wut in den
Augen seines Gegenübers wahrnehmend, einen weiteren Schritt zurück.
"Hast du dir vielleicht mal überlegt, daß ich
meine Sünden schon vor Jahren bereut haben könnte?" Die Haltung des
Monsters zeigt nach wie vor Wachsamkeit, aber der Ton seiner sonoren Stimme
deutet eher auf Niedergeschlagenheit hin.
"Und was ist an den Gerüchten dran, die von einer
mordenden Bestie sprechen?" Der Junge brüllt diese Worte fast, seine Züge
von Schmerz verzerrt, seine Stimme am Ende der Frage zitternd.
Er ist doch noch ein Kind, denkt der Wolfsmensch
grimmig, aber ohne Befriedigung.
"Soll ich mich etwa dahinschlachten lassen? Ein
Wolfsmann innerhalb von dreißig Meilen um ein harmloses Dorf ist immer eine
Bedrohung!" Laut grollend stapft der Wolfsmann zu seinem Sessel und läßt
sich hineinfallen. Zögernd, als ob ihm jetzt zum erstenmal klar wird, daß es
zwei Seiten dieser Geschichte gibt, läßt sich der Junge auf dem Schemel nieder
und schaut erwartungsvoll zu der Gestalt hinauf, die über ihm thront. Eine
scheinbare Ewigkeit herrscht Schweigen, nur unterbrochen von gelegentlichem
Donner und dem monotonen Prasseln des Regens gegen die Turmmauern.
"Die ersten kamen keine zwei Tage, nachdem der
Fluch deiner Mutter mich traf. Ich verbarg mich in einer Schlucht, nicht weit
vom Dorf entfernt, und hoffte, daß dies nur ein schlechter Alptraum sein würde.
Vergeblich. Die Haare wollten nicht verschwinden, die Zähne blieben, wo sie
waren. Ich war halb verrückt vor Schmerzen, denn mein Körper konnte sich noch
nicht an die neue Form gewöhnen, die er bekam. Dann hörte ich das Bellen der
Hunde. Sie waren mir schon auf den Fersen. Als der erste in mein Versteck
platzte und mich anfiel, blieb mir nichts anderes übrig, als mich zu
verteidigen. Ich fing ihn aus der Luft und zerriß ihm die Kehle. Als sein heißes
Blut über meine Schnauze troff, wurde etwas Altes, Urtümliches in mir wach und
ein roter Nebel senkte sich über mich. Als ich wieder zu mir kam, lagen sie
alle um mich herum, wie weggeworfenes Spielzeug. Ihre Arme, Beine und Köpfe überall
verstreut, sofern sie nicht noch an ihren Körpern saßen. Und alles, alles war
voller Blut. Ich roch es in meinem Fell, sah es an meinen Pranken. Ich schmeckte
es in meinem Mund, und genoß den Geschmack, suhlte mich in ihrer vollständigen
Vernichtung. Als ich endlich wieder klar denken konnte, wurde mir bewußt, daß
es noch nicht vorbei war. Im Gegenteil. Je weiter ich floh, desto weiter folgte
man mir. Ich hoffe, du hast die Warnungen gesehen?"
Die grünen Augen legten sich kurz auf den Jungen, der
merklich schauderte. Wieder Leere, wo eigentlich heißer Stolz brennen sollte.
"Ja, ich trieb ihre Köpfe auf ihre Speere, um
denen, die folgen würden zu sagen, was sie bei mir erwartet. Irgendwann, nach
der dritten oder vierten Jagdgruppe schienen sie es verstanden zu haben. Sie ließen
mich in Frieden, weil ich sie in Frieden ließ. Ich lebte als Schatten am Rande
ihrer Gesellschaft, die dunkle
Angst, mit der man Kinder im Schach hält, damit sie ja
nicht nach Dunkelheit das Dorf verlassen. Zumindest sahen sie es so. Ich hielt
mich von ihrem Dorf fern, nahm das, was sie nicht mehr brauchten" - seine
Pfote wies auf den Raum, durch den ein kalter Wind wehte und die Flammen im
Kamin zu wilden Leben anfachte
- "und hoffte darauf, daß ich irgendwann von
meinem Schicksal erlöst würde. Ich provozierte zwar nicht unnötig, hoffte
doch aber, daß die nächste Abenteurergruppe mir überlegen sein würde.
Vergebens. Und dann kam Janira in mein Leben."
"Eine Frau? Hatte Mutter nicht gesagt, du würdest
erlöst, wenn du wahre Liebe finden würdest?" Verwirrung schob sich über
das Gesicht des Jungen.
Der Wolfsmann lachte rauh. "Wahre Liebe? Für mich?
Tzeentch meint es nicht gut mit mir!" Der geschockte Blick des Jungen tat
gut, auf eine perverse Art und Weise.
"Es war nach dem dritten Kampf mit einer Gruppe aus
Gareth. Sie waren alle noch zu jung zum Sterben. Ich hatte sie gewarnt, aber sie
wollten nicht hören. Ich saß vor meinem Turm und beweinte die Toten, als ich
das schallende Lachen vernahm. Hinter einer Hügelkuppe trat sie hervor, ganz
schwarzes Leder und schlanke Kurven. Sie hatte feuerrotes Haar und eine wilde,
unbändige Stimme. Janira war ein Werwolf mit der Gabe der Gestaltwandlung. Und
sie genoß ihre tierische Natur, bis auf den letzten Tropfen Blut, wie ich später
erfahren sollte. Lachend kam sie zu mir und schaute sich das Gemetzel an, daß
ich angerichtet hatte. Sie war die erste Person, die nicht versuchte, vor mir
davonzulaufen oder mich zu töten.
„Du bist ein ziemlich starker Bursche, hm?“ fragte sie
mich, während sie sich neben mir auf der Schwelle meines Turmes setzte und tröstend
einen Arm um meine Schultern legte. In meiner Verzweiflung nahm ich die Geste an
und heulte meinen ganzen Schmerz und meine ganze Wut in ihren Lederpanzer.
Danach richtete ich ein Begräbnis für die Gefallenen aus, auf einem
Scheiterhaufen, der an einer von mehrmaliger Benutzung geschwärzten Stelle
errichtet wurde, an dem sie kopfschüttelnd mit Hand anlegte. Einige Stunden später
fanden wir uns in meinem Wohnraum wieder. Wir tranken Tee und redeten über
belanglose Dinge, bis sie mich fragte, ob ich etwas zu essen hätte. Ich sah sie
ein wenig verdutzt an, ging dann aber zu meinem Vorratsschrank und bereitete
etwas zu essen. Sie sah mich ebenfalls verwirrt an, als ich ihr das Tablett mit
Brot, Käse und Gemüse reichte, und fragte mich, ob ich nicht etwas
‚Richtiges‘ hätte, etwas mit mehr Fleisch. Ich schüttelte nur meinen Kopf,
ich verspürte zur damaligen Zeit nicht viel Appetit auf Fleisch. Versteh‘
mich nicht falsch, ich BRAUCHTE rohes, blutiges Fleisch, aber ich versuchte, es
so selten wie nur irgend möglich zu mir zu nehmen – und wenn, dann schlich
ich mich in irgendeinen Stall oder auf eine Weide und raubte mir ein Schaf oder
eine Ziege, die ich dann angeekelt in mich hineinschlang, während mein Körper
triumphierte. Wenn ich für eine gewisse Zeit kein Fleisch fresse, werde ich
schwach und müde. Aber das taugt nicht zum Selbstmord, denn irgendwann übernimmt
der Hunger die Kontrolle, und ich werde zum reißenden Biest. Ich versuche
jedoch so selten wie nur irgend möglich intelligentes Leben zu nehmen!“ Fast
flehentlich blickte der Wolfsmann seinen Gast an.
Der Junge hob mit grimmiger Miene den Kopf: „Und was ist
mit den Schädeln?“
Mit einem gequälten Ausdruck in den grünen Augen fuhr der
Wolfsmann fort.
„Wenn mich der Blutrausch überfällt, bin ich nicht Herr
meiner selbst. Aber sobald er mich verläßt, büße ich hundertfach für jedes
verschwendete Leben, sei es nun Mensch, Zwerg, Elf oder Ork. Aber laß mich
nicht zu weit abschweifen.
Die erste Zeit mit Janira war wundervoll. Sie konnte nicht
nur die Gestalt einer herrlichen, rostbraunen Wölfin annehmen, sondern auch
eine, die mir sehr ähnlich war, nur schlanker und ... femininer. So rannten wir
über die Hochebenen, jagten Gemsen oder Schafe oder liebten uns wild und
ekstatisch. Sie schien meinen Unwillen zu respektieren, der Zivilisation näher
als unbedingt notwendig zu kommen. Einen Großteil der Dinge, die du hier
siehst, hat sie in ihrer „Maske“, wie sie ihre menschliche Gestalt zu nennen
pflegte, für mich besorgt. Wir liebten uns, dachte ich zumindest. Ich liebte
sie auf jeden Fall, aber für sie war ich nur Mittel zum Zweck.“
Der Junge schüttelte verwirrt den Kopf. „Ich verstehe
nicht...“
Irritiert grollend wandte sich der Wolfsmann wieder seinem
Zuhörer entgegen.
„Hab Geduld. Das ist nicht leicht für mich, verstehst
du?
Der Anfang vom Ende war, daß sie alleine auszog. Ich
dachte mir nicht viel dabei, zumal sie mir meist feine Dinge von ihren Streifzügen
mitbrachte. Ihre „Ausflüge“ wurden länger und länger, und eines Nachts
machte ich mir furchtbare Sorgen. Sie war schon drei Tage verschwunden. Am
Morgen des vierten Tages kehrte sie zurück, verletzt und nach Blut riechend,
aber es war nicht ihr Blut, und auch nicht das eines Tieres. Ich kannte diesen
Geruch gut genug, schließlich hatte ich ihn oft genug in den Nüstern und in
meinem Munde.
Also stellte ich sie zur Rede, woraufhin sie antwortete, sie hätte sich
von einem Bauern erwischen lassen, den sie dann töten mußte, um sich selbst zu
retten. Ich glaubte ihr. Vorerst. Dann wurde ich krank.“
„Ist das möglich? Ich habe gelesen, daß Gestaltwandler
nicht krank werden können“ warf der Junge ein.
„Nicht so voreilig! Ich bin zum einen kein
Gestaltwandler, wie du ja sehen dürftest,“ der Wolfsmann streckte die Arme
weit von sich, „und die Krankheiten, mit denen sich die Menschen herumschlagen
müssen, sind auch wahrlich nicht so schlimm für mich.
Es war Winter, und die Pässe, durch die man ins Tal kommt,
waren alle verschneit, so daß es unmöglich war, die tiefergelegenen Farmen
nach Beute zu durchsuchen. So streiften Janira und ich über die Hochebenen, in
der Hoffnung, etwas Eßbares aufzutreiben. Der Hunger nagte an meinen Nerven,
weil ich unbedingt wieder etwas Fleisch brauchte, und so stürzte ich mich auf
das erstbeste Fressen, was ich finden konnte. Es war ein toter Geißbock, den
wir mit gebrochenen Genick in einer Felsspalte fanden. Janira hat mich davor
gewarnt, das wer-weiß-wie alte Fleisch in mich hineinzuschlingen, ich warf
jedoch alle Bedenken über Bord und tat mich an dem Kadaver gütlich. Für kurze
Zeit war ich wieder so stark wie eh und je, aber kurz bevor wir den Turm
erreichten, packte mich das Fieber. Janira versorgte mich so gut es ging, und
verschwand dann, mit der Begründung, Heilkräuter für mich im Dorf zu
erstehen.
Keine zwei Tage später hämmerten Fäuste gegen die Tür meiner Behausung. Janira war immer noch nicht zurück. Fieberkrank und schwach schleppte ich mich die scheinbar ewig lange Treppe hinunter, um dann einer bewaffneten Meute gegenüberzustehen. Zwei muskelbepackte Kerle, einer von ihnen ein Zwerg mit wüst in alle Richtungen abstehenden Haaren, eine fragil wirkende Elfin in den Gewändern einer Riwan-Priesterin und ein teuflisch aussehender, rotberobter Kampfmagier begleiteten einen feisten Talbauern, der mir anklagend ein zerfetztes Kleidungsstück unter die Schnauze hielt. „Das hier gehört meinem zwei Jahre alten Sohn! Wo ist er, du Bestie?“ brüllte er mich an, ehe ich auch nur die Tür geöffnet hatte. Die Krieger erwarteten mich mit gezogenem Stahl, zwischen den Fingern des Magiers zischte unheiliges Feuer und ich bereitete mich auf meinen Tod vor.
Doch wundersamerweise hielt die Elfe ihre Kameraden zurück,
indem sie in einer mir fremden Sprache hektisch auf sie einsprach. Dann wurde
ich ohnmächtig. Ich spürte noch, wie ich zu Boden sank, sanft, wie von starken
Händen gestützt.
Und als ich wach wurde, fand ich mich auf dem Boden des
Untergeschosses wieder, gesund aber furchtbar schwach. Neben mir lag eine fein
zusammengerollte Schriftrolle. Vorsichtig öffnete ich sie, immer auf eine Falle
gefaßt, und las dort, daß sich die Helden auf die Suche nach der „anderen
Bestie“ machen würden, da ich nicht zur fraglichen Zeit am Tatort sein
konnte. Nun, was sie nicht wußten war, daß ich die „andere“ Bestie tatsächlich
kannte – und mir wurde natürlich angst und bange um Janira. So wickelte ich
mich in meinen Umhang und hetzte, einen schrecklichen Verdacht hegend, gen Glücksquell.
Dann hatte ich das Pech, in einen fürchterlichen Schneesturm zu geraten. So
suchte ich in einer nahegelegenen Höhle Unterschlupf. Ich hielt mich im
vorderen Teil der klirrend kalten Höhle auf, von draußen kam das wütende
Heulen des Schneesturms, das so ziemlich alle anderen Geräusche übertönte –
bis auf ein merkwürdiges, leises Wimmern, das es irgendwie schaffte, den Lärm
des Sturmes zu umgehen. Ich sah mich in dem kleinen, von Stalagmiten und
Stalagtiten bizarr verformten Raum um und fand dann einen schmalen Durchgang,
der fast zu eng für meine massige Gestalt war. Das erste, was mir auffiel, war
das flackernde Licht am Ende des Ganges. Außerdem wurde es merklich wärmer,
und das Wimmern wurde auch vernehmlicher. Es klang fast wie ein kleines Kind.
Ich beschleunigte meine Versuche, mich durch den engen Korridor zu winden –
und landete in einer gräßlichen Szenerie. In der Höhle brannte ein Feuer, vor
dem Janira in ihrer Wolfsfrau-Gestalt saß, neben sich auf der einen Seite ein
großer Weidenkorb, aus dem vernehmlich das Wimmern drang, auf der anderen ein
Haufen bluttriefender Kleider und ein Haufen sauber abgenagter Knochen. Als mein
Schatten über sie fiel, hob sie ihre blutbefleckte Schnauze, zog die Lefzen in
einem satanischen Grinsen zurück und bot mir mit ihrer samtenen Stimme „etwas
Gutes zu essen“ an, indem sie in den Korb griff und den noch unversehrten Säugling
hervorhob. Sie hielt ihn vor ihre Schnauze, wie ein Feinschmecker, der ein Stück
Fleisch prüft, und schnupperte genußvoll. Dann öffnete sie ihr Maul, um dem
Kleinen die Kehle herauszureißen, als mir die ganze Bedeutung der Szenerie und
der „Ausflüge“ klar wurde und ich endlich meine Erstarrung überwand.
Mit mehr Grobheit als notwenig war, riß ich ihr mit einer Pranke den Säugling
aus den Pfoten, der daraufhin schreiend in den Kleiderhaufen fiel, während ich
sie mit meiner zweiten Pranke und meinen Zähnen angriff. Sie lachte schallend,
während sie meine immer noch von Hunger und den Resten des Fiebers schwachen
Attacken abwehrte und fragte mich spöttisch, wie ich es geschafft hätte, den
Abenteurern zu entgehen, die sie auf meine Fährte gesetzt hätte. Ich verstand
nicht, wollte nicht verstehen, aber sie erklärte nur grinsend, während ich in
ohnmächtiger Wut versuchte, ihre Verteidigung zu durchbrechen, daß es einfach
zuwenig Beute für ZWEI Biester in diesem Revier gäbe – und wer würde schon
einen sentimentalen Wolfsmenschen vermissen, der sich lieber in seinem Turm
einschloß und philosophierte, als der Umgegend seinen Stempel aufzudrücken?
Und plötzlich kam sie aus der Defensive, griff mich mit allen Tricks und
Kniffen an, die sie kannte. Dabei höhnte sie mir entgegen, daß sie dann eben
die Arbeit beenden müßte, die diese Versager nicht geschafft hatten. Meine
einstige Liebe riß mir faustgroße Fleischstücke aus Brust und Schultern, während
sie mich reizte, mit mir spielte. Und in mir zerbrach etwas, eine eisige Pforte
öffnete sich, als mir klar wurde, was passieren mochte, wenn dieses Wesen,
dieses Monster, daß ich einst liebte, jemals wieder auf die Unschuldigen
losgelassen würde. Ich hörte auf, meine Hiebe zu bremsen und kämpfte, als ob
es um Leben und Tod ging. Und so starb meine große Liebe, zerrissen von meinen
Klauen und Zähnen, verblutend in ihrer Knochenkammer. Ich hörte ihr gurgelndes
Flehen den ganzen Weg durch den engen Tunnel, den Korb mit dem immer noch
weinenden Kind bei mir.
Es waren vier lange, furchtbare Tage bis nach Glücksquell.
Der Kleine überlebte nur deshalb, weil ich ihm von meinem Blut zu trinken gab.
Etwas anderes gab es nicht. Und ich wäre beinahe von den rasenden Dorfbewohnern
getötet worden, nachdem ich das Kind auf die Schwelle des Bürgermeisterhauses
gestellt hatte und im Schutze der Nacht fliehen wollte. Mein Pech, daß ich, vor
Blutverlust kaum noch in der Lage geradeaus zu gehen, einen ganzen Stapel
Blecheimer übersah, die vor dem Haus des Schmieds aufgestapelt waren. In Angst
vor weiteren Monsterangriffen waren die Dörfler entsprechend nervös, und es
ist nur Dearis zu verdanken, daß ich mit heiler Haut aus dieser Geschichte
herausgekommen bin...“
Die Stimme des Wolfsmannes verlor sich im Rauschen des
Regens, und eine lange Zeit herrschte Schweigen zwischen den beiden ungleichen
Gestalten, die im Lichte des immer niedriger brennenden Kaminfeuers saßen. Mit
einem Mal begann der Junge herzhaft zu gähnen.
„Du mußt furchtbar müde sein. Bei so einem Wetter zu
reisen ist ja auch nicht gerade leicht, vor allem nicht, wenn man so jung ist
wie du.“ Die Stimme des Wolfsmannes klang verblüffend ruhig und entspannt.
„Schon gut! Ich bin ein Mann – erzähl weiter!“ Der
Junge rieb sich etwas Sand aus den Augen und hob wieder trotzig den Kopf.
„Oh nein, ich bestehe darauf, daß du dich ausruhst.
Wohin gehst du eigentlich, wenn du die Angelegenheit mit mir – wie auch immer
– erledigt hast?“ Ein Hauch Mitgefühl schwang in der grollenden Frage mit.
„Ich weiß es nicht. Zuhause erwartet mich keiner mehr.
Vielleicht hatte ich auch damit gerechnet, bei dem Versuch, Mutters Ehre zu rächen,
zu sterben... Ich weiß es wirklich nicht“. Betrübt ließ der Junge den Kopf
hängen – und mußte wieder fürchterlich gähnen.
„Nun, dann mach es dir hier gemütlich. Ich nehme einige
Decken und werde im Obergeschoß nächtigen. Und morgen erzähle ich dir, wie
ich mir endlich Ruhe verschaffte...“ Mit diesen Worten nahm der Wolfsmann
einige Decken vom Lager, fachte das Feuer zu neuem Leben an und begab sich,
irgendetwas Unverständliches vor sich hin brummelnd, zur Treppe. Der Junge
hielt ihn mit einem leisen Ruf zurück:
„Ruhet wohl – und angenehme Träume!“
E N D E (vorerst)
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